Wahlen in Großbritannien: die Rückkehr des Unerwarteten

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9. Juni 2017

Wahlen in Großbritannien: die Rückkehr des Unerwarteten

Die Conservative Party von Premierministerin Theresa May hat ihre Mehrheit im britischen Parlament verloren, während die Labour Party bedeutend hinzugewonnen hat. Das Ergebnis schwächt nicht nur die Position der Premierministerin, die zu erwartende politische Instabilität sorgt auch für Unsicherheiten im Bezug auf die zukünftigen Brexit-Verhandlungen.


 

Andrea Brasili, Senior Economist, Global Asset Allocation Research

Monica Defend, Head of Global Asset Allocation Research

 

 

Was sind für Sie die wichtigsten Erkenntnisse aus dem Wahlergebnis in Großbritannien?

 

Premierministerin Theresa May hatte mit der vorgezogenen Neuwahl zwei Ziele verfolgt: Erstens wollte sie ihre Mehrheit im Parlament angesichts der wahrgenommenen Schwäche der Labour-Partei stärken. Und zweitens wollte sie eine Wahl in 2020 vermeiden. Der Brexit-Prozess soll laut Plan 2019 enden und mit einer Amtszeit, die etwas länger darüber hinausreicht, wollte sie die Verhandlungen von innenpolitischen Fragen trennen. Das Wahlergebnis war nun eine völlige Niederlage im Hinblick auf das erste Ziel und eine Enttäuschung für die Konservativen im Hinblick auf das zweite. Die Tories haben nicht die Mehrheit der Sitze im Parlament, während Labour deutlich hinzugewonnen hat: Angesichts des Umfragevorsprungs der Konservativen zu Beginn der Kampagne ist dies ein schwerer Schlag für Theresa May. Dennoch ist es derzeit wahrscheinlich, dass sie mit der Unterstützung der nordirischen Unionisten eine Regierung mit einer knappen Mehrheit bilden kann.

 

Meinen Sie, dass das Ergebnis Auswirkungen auf die Brexit-Verhandlungen haben wird?

 

Wie erwähnt, ist eine unmittelbare Auswirkung, dass die Brexit-Verhandlungen von möglichen Wahlen im Jahr 2020 abgekoppelt werden. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte ist, dass das Ergebnis die Unsicherheit um die Verhandlungen weiter erhöht. Es gibt eine Reihe offener Fragen, angefangen damit, wie Premierministerin May nun angesichts des Ausmaßes der Niederlage reagiert und welche Parteien eine Regierungskoalition bilden werden. Wir erwarten eine Antwort in den kommenden Tagen. Unserer Ansicht nach ist es nunmehr gewiss, dass ein harter Brexit, wie er im Programm der Tories steht, nun weniger wahrscheinlich ist. Außerdem werden die üblichen politischen Reibungen in einer Koalition die Formulierung einer klaren Brexit-Strategie für Großbritannien noch schwieriger machen, was die Verhandlungsmacht Großbritanniens deutlich schwächen könnte. Die Konsequenzen sind entweder eine höhere Wahrscheinlichkeit eines „No Deal“-Ergebnisses oder die Annahme einer Vereinbarung, die von der EU getrieben ist. In der jetzigen Phase ist es wahrscheinlich, dass die Konservativen eine Geschlossenheit über die Brexit-Leitlinien in ihrem Parteiprogramm erreichen wollen, was jedoch nicht einfach sein wird. Das Programm besagt unter anderem, dass die Regierung bereit ist, nach dem Brexit einen „angemessenen“ Beitrag zur Europäischen Union zu leisten, wenn auch mit der Einschränkung, dass die „umfangreichen Beiträge zur Europäischen Union eingestellt werden“. Darüber hinaus beinhaltet es den Austritt aus dem Binnenmarkt und die allgemeine Bereitschaft, die Rechte von EU-Bürgern in Großbritannien und umgekehrt zu sichern

 

Welche wirtschaftlichen Auswirkungen hatte der Brexit bisher?

 

Im zweiten Halbjahr 2016 erwies sich die britische Wirtschaft als wesentlich widerstandsfähiger als erwartet, gestützt von einem starken Konsum der Haushalte und auf Kosten einer sinkenden Sparquote. Eine direkte Auswirkung war die Abwertung des Pfundes, die einige Monate später zu einem Anstieg der Inflation und einem Absinken der Realeinkommen führte. Dies wiederum wirkte sich negativ auf den Konsum aus. Folglich fielen die BIP-Zahlen trotz eines höheren Beitrags des Nettohandels im ersten Quartal 2017 etwas schwächer aus. Insgesamt waren die gesamtwirtschaftlichen Indikatoren ziemlich volatil und ließen keine klaren Schlüsse zu. Es dürfte weiterhin Ungewissheit herrschen, bis klar ist, wie stark die britische Wirtschaft infolge der Brexit-Vereinbarungen neu organisiert werden muss. Das ist jedoch eine langfristige Angelegenheit.

 

Wie ist Ihr Ausblick für die Wirtschaft?

 

Nach unseren Prognosen dürfte die Inflation Ende 2017 mit etwa 3% ihren Höchststand erreichen, bei einem Durchschnitt für 2017 von 2,6%-2,7%. Dieses Niveau erwarten wir auch für 2018. Wir erwarten ein BIP-Wachstum von 1,8% in 2017 und eine Verlangsamung in 2018. Diese Prognosen zeichnen ein etwas pessimistischeres Bild als jene der Bank of England. Diese hat mittelfristig einen optimistischeren Ausblick und erwartet, dass die Wirtschaft die Produtkionslücke Ende 2019 schließt. Dieser Unterschied beruht darauf, dass die Bank of England erwartet, dass der währungsgetriebene Inflationsdruck 2018 abnimmt und durch „endogene“ Stimuli wie höhere Löhne oder Binnennachfrage ersetzt wird, was zu höherem Wachstum führen sollte. Unserer Einschätzung nach hält der Abwertungseffekt länger an und das Lohnwachstum setzt erst später ein.

 

Was erwarten Sie von der Bank of England (BoE) bis zum Jahresende?

 

Im Vergleich zum Februar war die Bank of England in der letzten Pressekonferenz zum Inflationsbericht ein wenig zuversichtlicher, was die wirtschaftlichen Entwicklung sowie die Brexit-Vereinbarungen angeht. Politisch gesehen steht die BoE eindeutig vor einem Kompromiss zwischen der Geschwindigkeit, mit der die steigende Inflation stabilisiert werden soll und der Verringerung der aktuellen Produktionslücke: Die akkommodierende Geldpolitik dürfte solange fortbestehen, wie der Inflationsanstieg durch das britische Pfund getrieben wird und die Nachfrage gegen Ende des prognostizierten Zeithorizonts an Fahrt aufnehmen sollte und damit die Inflation zunehmen und die Produktionslücke schließen wird. Wie von dem Gouverneur der BoE angemerkt, impliziert der Markt, dass diese Bedingungen erfüllt sind und damit der Weg für eine Straffung der Geldpolitik etwas schneller sein könnte, als es derzeit im Markt eingepreist ist. Aus unserer Sicht ist eine aggressivere Haltung der BoE nicht das wahrscheinlichste Szenario. Denn hinsichtlich der Wachstumserwartungen sind wir weniger optimistisch. Vor allem erwarten wir aber eine recht hohe – vom britischen Pfund getriebene – Inflationsentwicklung für 2018. Vor diesem Hintergrund sind wir der Ansicht, dass der Weg, der derzeit vom Markt eingeschlagen wird, der wahrscheinlichste ist.

 

Wie ist Ihr Ausblick für das britische Pfund?

 

Die Brexit-Entscheidung setzt eine Reihe von strukturellen Verschiebungen in der britischen Wirtschaft voraus, insbesondere im Hinblick auf das Gewicht und die Rolle externer Faktoren. Speziell könnte ein substanzieller Rückgang von ausländischen Direktinvestitionen eine entscheidende Rolle spielen – sofern London als Finanzplatz schrumpft. Seit dem Referendum kam es zu einer starken Abwertung des britischen Pfundes. Eine Erholung setzte ein, als die Märkte die Möglichkeit eines „weichen Brexit“ in Betracht zogen und wieder mehr auf die wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit in Großbritannien blickten. Angesichts der mangelnden Visibilität hinsichtlich der wirtschaftlichen Entwicklung in Großbritannien wurde das britische Pfund vor allem als „politische Währung“ betrachtet und gehandelt – angetrieben durch den Nachrichtenfluss und die Erwartungen der Investoren in Bezug auf die Brexit-Verhandlungen. Mit einer weniger stabilen Regierung und einer stärkeren politischen Ungewissheit ist der Weg zu einem weichen Brexit unklarer geworden. Die Verhandlungsposition des Vereinigten Königreichs ist möglicherweise geschwächt worden, und die mittelfristigen Wachstumsaussichten könnten durch die erhöhte Unsicherheit gedämpft werden – mit negativen Auswirkungen auf das britische Pfund. Darüber hinaus erscheint das britische Pfund aus der Perspektive eines Zinsdifferentials (UK vs. US) nicht besonders attraktiv und wir erwarten auch keine aggressivere Haltung seitens der BoE.

Andrea Brasili, Senior Economist, Global Asset Allocation Research
Monica Defend, Head of Global Asset Allocation Research

 

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